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Wer hat Vorrang? Die erste oder die zweite Frau?

Wer hat Vorrang, die erste oder die zweite Frau? Ich könnte auch fragen: die erste oder die zweite Familie? Eine Frage die sich viele Patchworker regelmäßig stellen und an der Beziehungen zerbrechen.

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Wenn der Partner zu viel Zeit mit der ersten Frau und Familie verbringt

Zwei verzweifelte Nachrichten von zwei Frauen sind in dieser Woche in meinem Briefkasten gelandet. Beide schreiben, dass ihre Partner sehr viel Zeit mit der ersten Familie, ja sogar mit der ersten Frau, verbringen und zwar mehr, als mit ihnen. Beide sind dort nach wie vor stark eingebunden. Beispielsweise holt einer von beiden seine Exfrau von zu Hause ab und fährt sie zur Arbeit. Er repariert, wenn etwas kaputt gegangen ist, wird auf Geburtstagen der Ex-Schwiegereltern eingeladen usw. Die zweiten Frauen bleiben außen vor. Und wie fühlen sie sich? Das ist nicht schwer zu erraten. Sie sind wütend, eifersüchtig, traurig und oft verzweifelt.

Verletzungen in Patchworkfamilien

Da sind Verletzungen auf der neuen Paarebene entstanden, die sehr belastend wirken. Solche Verletzungen sind in Patchwork unausweichlich. Sie werden nicht bewusst gemacht und passieren selbst dann, wenn man sich die größte Mühe gibt niemanden zu verletzen. Patchwork ist komplex und dazu kommt, dass niemand so wirklich weiß, was richtig und was falsch ist.

Wer hat nun Vorrang? Die erste oder die zweite Familie?

Wer den ersten Abschnitt liest, wird sofort antworten: Natürlich hat die zweite Frau Vorrang. Doch so einfach ist es in Patchworkfamilien nicht.
Beide haben Vorrang. Die erste Frau hat Achtungsvorrang. Die zweite Frau hat Handlungsvorrang.

Hier gilt das Prinzip der Anciennität. Wer vorher da war, hat Vorrang vor dem, der später kommt. Das gilt für die erste Frau und die Kinder, die bereits da sind. Und das ist für die meisten Frauen im zweiten System eine bittere Pille. Die neue Partnerin kommt von der Achtung und der Reihenfolge her nach der ersten Frau, denn sie ist als letzte in das System gekommen.

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Wie die Patchworkfamilie gedeihen kann

Die zweite Frau denkt ja häufig, sie ist die Bessere – und oft ist das auch so. Aber in der Achtung kommt sie später. Das erste System hat also Achtungsvorrang. Doch damit das neue System eine Chance hat, gilt für alles was später kommt Handlungsvorrang. Das erste System hat Achtungsvorrang und das zweite Handlungsvorrang. Wenn der Partner also seine ganze Aktivität noch ins erste System steckt, dann kann das neue System nicht gedeihen. Und wenn es im neuen System auch noch ein gemeinsames Kind gibt, wird es besonders schwierig. Das zweite System hat Handlungsvorrang.

Es ist wichtig zu verstehen, wer Achtungs- und wer Handlungsvorrang hat. Das heißt nicht, dass die zweite Frau nicht geachtet werden soll, und im ersten System keine Handlung mehr erfolgen darf. Nur die Frage ist: Wie viel Energie fließt ins erste System, zu der der Vater noch gehört, und wie viel ins zweite System? Es ist in Ordnung mal den Rasen zu mähen oder das Türschloss bei der Exfrau zu reparieren, aber irgendwann muss sie dafür selbst eine Lösung finden, sonst blutet das zweite System aus.

Was heißt Achtungs- und was Handlungsvorrang im Alltag?

Ein Beispiel: Die Kinder sind am Wochenende beim Vater und sagen zur Stiefmutter: „Die Mama nervt.“ Die Stiefmutter hat jetzt verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. Sie findet vielleicht auch, dass die Mutter nervt und hätte jetzt die Gelegenheit zu sagen: „Ja, die nervt völlig, mit ihren überzogenen Erwartungen und Vorstellungen.“ Aber Achtung! Das ist eine Falle. Was passiert dann? Die Stiefmutter stellt sie sich über die Mutter und kritisiert nicht nur die Mutter, sondern auch das Kind, denn das ist ja ein Teil der Mutter.

Besser wäre es zu sagen: „Ja, aber weißt du, sie ist deine Mama.“ Mit so einem kleinen Satz sichert sie die Achtung vor der Mutter. Sie kann vielleicht hinzufügen: „Deine Mama hat es vielleicht auch nicht immer leicht.“ oder „Es kann sein, dass sie auch manchmal Fehler macht und das ärgert dich, aber dennoch, sie ist deine Mama.“. Dann erkennt sie die Mutter an, indem sie nicht entwertend über sie spricht. Mit diesem Satz sichert sie die Achtung und den Respekt des ersten Systems.

Achtung vor der Liebe, die es vor mir gab

Die Stiefmutter, als die, die später kam, anerkennt, dass es vor ihr eine erste Frau und auch eine Liebe gab, zwischen ihrem Partner und seiner Exfrau, die sie achten muss. Oft wird auch über diese Liebe abfällig gesprochen. Das macht dann meist der Partner, damit die zweite Frau nicht eifersüchtig ist und sich sicher fühlt. Aber wie ist das für die Kinder, wenn die erste Liebe entwertet wird?
Es muss nicht vor den Kindern gesagt werden, aber es ist eine Information im System, die sich auf die Kinder überträgt. Kinder atmen Atmosphäre. Für die Kinder ist das eine Entwertung, die auch gegen sie gerichtet ist. Darum ist es so wichtig die Achtung zu wahren. Anerkennen was ist, wie Bert Hellinger immer so schön sagte. Es ist nicht mehr als das anzuerkennen was ist. Du warst vor mir da und ich komme nach dir. Oder ihr wart vor mir da und ich komme nach euch.

Die Paarinsel schützen

Das bedeutet auch, wenn die Kinder da sind, stellt sich die neue Partnerin nicht dazwischen. Der Weg zwischen dem Vater und den Kindern bleibt frei. Sie darf sich nicht in den Weg stellen. So achtet sie die vorherige Beziehung.

Natürlich kann es passieren, dass die Kinder das ausnutzen, vor allem wenn sie älter sind. Dem entgegen zu wirken ist die Aufgabe des Vaters. In solchen Fällen ist er aufgerufen die gemeinsame Paarinsel, auf der die Kinder nichts zu suchen haben, zu schützen. Das heißt, es gibt Zeiten, die nur euch als Paar gehören und wo ausschließlich eure Beziehung gepflegt wird. Auch euer Paarsystem, muss geachtet werden, im Sinne eines Handlungsvorrangs. Das heißt, lebensgestaltend und wirksam solltet ihr hauptsächlich im zweiten System sein.

Der Spagat zwischen erster und zweiter Familie

Wie könnte das im Alltag aussehen? Einerseits soll die Achtung vor dem ersten Familiensystem gewahrt werden und die Kinder sollen sich nicht benachteiligt fühlen, und andererseits soll der Fokus auf der zweiten Familie liegen, damit die eine Chance hat zu gedeihen. Das ist ein Spagat, der nicht so einfach ist, aber machbar.

Warum exklusive Zeit für die Kinder so wichtig ist

Sagen wir es ist Freitag. Er holt die Kinder von der Schule ab und sie verbringen das Wochenende bei ihm. Ich rate meinen Patchworkpaaren exklusive Zeit für die Kinder vorzuschalten. Das bedeutet, dass er mit seinen Kindern exklusive Zeit verbringt, bevor er mit den Kindern nach Hause kommt. Er geht mit ihnen vielleicht noch vorher in den Park, Eis essen, Schlittschuh laufen, Fußball spielen oder einfach nur auf den Spielplatz und kommt dann erst nach Hause. Dann kommen die Kinder gesichert und gekoppelt an den Vater in das neue System, wo es vielleicht noch ein Kind gibt. So findet das erste System Achtung.

Diese exklusive Zeit ist wichtig und wichtig ist auch, dass die neue Partnerin nicht dabei ist. Und der Abend, gehört ganz allein dem Paar. Wenn die Kinder im Bett sind, trinken sie ein Glas Wein auf dem Balkon. Es ist wichtig, dass ihr eure Paarzeit schützt und die Kinder nicht ständig dazwischen funken.

Was die zweite Frau wissen muss

Die neue Partnerin muss noch eine bittere Pille schlucken, nämlich, dass an dem neuen Partner ein Verzicht dranhängt. Der Partner gehört ihr nicht allein. Die neue Partnerin muss sich bewusst sein, dass sie auf gemeinsame Zeit, körperliche Nähe und Geld verzichten muss, weil davon etwas in das erste System abfließt. Und das ist der Punkt, den viele nicht wahrhaben wollen. Er wird gerne ausgeblendet. Stattdessen gehen viele mit der Haltung heran: wir starten neu als Kernfamilie. Und das funktioniert in Patchworkfamilien nicht, das ist der größte Fehler den die meisten machen – Kernfamilie spielen. Dazu habe ich bereits eine Podcast-Folge mit dem Titel “Der größte Fehler, den fast jede Patchworkfamilie macht” gemacht.

Kannst du diesen Verzicht, an Geld, körperliche Nähe und Zeit leisten? Frage dich das mal.

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Fazit

Also, abschließend wiederhole ich nochmal: das erste System hat Achtungsvorrang. Das zweite System hat Handlungsvorrang.

Prüfe einmal, ob ihr das in deiner Patchworkfamilie lebt. Stell dir folgende Fragen und diskutiere sie mit deinem Partner:

  • Wo fließt die meiste Energie hin? Fließt sie in das neue System?
  • Wo liegt in deiner Patchworkfamilie der Fokus? Ist er auf das neue System gerichtet?
  • Wird das erste System geachtet? Wenn nicht, was müsst ihr ändern, um die Achtung wieder herzustellen?

Ich wünsche euch eine konstruktive Diskussionsrunde und einen guten Weg für eine glückliche gemeinsame Zukunft.

Alles Liebe

Deine Patchworkmama Yvonne

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Ein Kommentar

  • Saskia Frommelt Oktober 24, 2020 Reply

    Liebe Yvonne,
    genau das ist in meiner Patchwork Familie passiert. Sie ist vor kurzem zerbrochen d.h. ich bin gegangen. Für mich waren viele Dinge nicht mehr auszuhalten und mir wurde vorgeworfen, dass ich die Dinge falsch sehe. Dein Artikel hat meine Ansicht bestätigt und ich konnte mehr loslassen. Ich habe noch mehr verstehen können, woran Gründe lagen. Und dafür bin ich sehr dankbar.
    Liebe Grüße
    Saskia

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