Schuldig, im Sinne der Familie

 

Als ich mich in meinen Partner verliebte, waren wir beide verheiratet und hatten eine Familie. Teilweise waren unsere Kinder noch klein. Meine jüngste Tochter gerade mal 3 Jahre alt. Mein Sohn wurde gerade eingeschult und seine jüngste Tochter besuchte die erste Klasse. Wir hatten Haus, Hof und Tiere und standen mitten im Leben. Und dann war da dieser magische Moment. Dieses seltsame Kennenlernen, diese Energie zwischen uns und wir wussten beide: Das ist er bzw. sie, die wir immer gesucht haben. Wir wussten: Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Die neue Liebe zu leugnen, würde uns schmerzen bis ans Lebensende. Es kam, wie es kommen musste. Wir trennten uns von unseren Ehepartnern.

Es dauerte nicht lange, da schwappte eine Woge an Schuldzuweisungen von allerhand Moralaposteln über uns. In erster Linie waren es die Expartner, die uns für schuldig befunden hatten. Mit im Schlepptau die eigenen Kinder, die vom Expartner instrumentalisiert wurden. Dann waren es enge Familienmitglieder und „Freunde“, Bekannte, Lehrer, Ärzte, Kollegen usw.

Irgendwann war es dann soweit. Ich schaute in den Spiegel und dachte: „Du bist schuld, dass die Kinder, der Expartner, die Verwandten und Bekannten … leiden.“ Mein Verstand und meine beste Freundin hielten geduldig dagegen: „Du bist nicht schuld. Du hast die Ehe nicht vor die Wand gefahren. Sie war schon lange vorher kaputt, deine und seine Ehe auch. Die Kinder müssen nicht leiden. Sie leiden nur, weil die leidenden Expartner ihr Leid auf die Kinder übertragen, darin Bestätigung, Schutz, Mitgefühl und Anerkennung für ihren jetzt so schweren Weg suchen. Du trägst keine Schuld.“

Tatsächlich … irgendwann begriff ich es. Ich versuchte dennoch einen Perspektivwechsel und versetzte mich in die Lage des Verlassenen.
Wie würde es sich für mich anfühlen, wenn mein Partner mich wegen einer anderen Frau verlassen würde? Es würde mich bis ins Unermessliche schmerzen. Was würde sich ändern? Viel! Mein Leben würde sich auf den Kopf stellen. Davor hätte ich vermutlich Angst. Aber würde ich deshalb wollen, dass er bei mir bleibt? Womöglich die neue große Liebe in seinem Hinterkopf behält und sich täglich stillschweigend fragt: „Was wäre wenn …?“
Da wurde mir schlagartig bewusst, dass der eigentliche Betrug genau darin liegt. Wenn ich mit meinem Ehepartner zusammenbleibe, weil ich die Familie schützen möchte, mich gesellschaftlichen Anfeindungen nicht aussetzen will oder feige vor dem Verlust der materiellen Güter bin … erst dann beginnt der eigentliche Betrug. Dann betrüge ich nicht nur mich, sondern meinen Ehepartner, meine neue Liebe, meine Familie, mein Umfeld … Ich betrüge mich und meinen Seelenplan. Denn wenn man erst den Partner fürs Leben, die große Liebe gefunden hat, dann gibt es auf der Seelenebene kein Zurück mehr. Diese Liebe bleibt … für immer. Das Gefühl für diesen Menschen ist im Körper auf ewig gespeichert und wenn ich mich dem verweigere, beginnen der Schmerz und der eigentliche Betrug. Wir kennen alle diese Beziehungen, die aus Feigheit oder der Kinder wegen bestehen bleiben. Nicht selten enden sie in Missachtung, Abneigung, Respektlosigkeit und chronischen Krankheiten.

Wir waren ehrlich. Ehrlich mit uns, ehrlich mit unseren Expartnern und unseren Kindern. Die Wahrheit – oder anders gesagt – wahrhaftig zu leben, erfordert Mut und hat seinen Preis. Wir wussten, es wird einen mächtigen Ruck in unserem Umfeld geben. Menschen werden sich abwenden, andere werden mit uns wachsen und inspiriert. All das nahmen wir in Kauf. Denn das Geschenk, das wir damals nur ansatzweise erahnen konnten, ist im Laufe der Jahre so viel größer geworden … größer, als wir uns es hätten jemals träumen lassen.

Wer euch auch immer da draußen für schuldig befindet, der ist blind. Blind und taub vor Angst, Ignoranz oder Dummheit. Seid radikal ehrlich und mutig. Ohne Mut gibt es keine Entwicklung. Es braucht Mut, den Tag neu zu beginnen, ein Leben zu führen, das uns mit Glück erfüllt, denn: „Glücklichsein ist dein Geburtsrecht!“ Yogi Bhajan

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