Schuld geben oder Verantwortung übernehmen?

Wer ist schuld an den Müllinseln im Meer, für die Kriegsschauplätze dieser Welt, für die Abholzung des Regenwaldes, für die Klimaerwärmung oder für die Auseinandersetzungen in der eigenen Familie? Sind es die Industrieproduzenten, wir Konsumenten, die politischen Amtsinhaber, unsere Eltern, der Ex-Partner – für den Schlamassel in unseren eigenen Reihen – oder die Kinder unseres Partners, die uns ablehnen? Wer hat Schuld? Letztere Frage wird in Konfliktsituation oft als erste gestellt?

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Täter-Opfer-Spiel und gesellschaftliche Konditionierung

Das Täter-Opfer-Spiel führt dazu, dass einer immer Schuld haben muss und der hat gefälligst auch die Verantwortung dafür zu tragen. So sind wir konditioniert von Kindheitsbeinen an, so ist unser gesamtes Rechtssystem gestrickt.

In Gerichtssälen wird nach Schuldigen gesucht und Recht gesprochen. Glücklicherweise hat sich der Wind in Familiengerichten gedreht und es wird mittlerweile nach Einigungen gesucht, die dem Wohl des Kindes entsprechen sollen.  Doch in Familien oder auf Schulhöfen und Kindergärten wird nahezu täglich das Schuldspiel oder auch das Täter-Opfer-Spiel gespielt. Selten wird nach den eigenen Anteilen geforscht, die zu einer Konfliktsituation führten. Selten wird nach den unerkannten Gefühlen und den unerfüllten Bedürfnissen gesucht, die zum Konflikt führten, geschweige denn nach einer Lösung mit der sich alle Beteiligten wohl fühlen, ohne das jemand schuldig gesprochen werden muss.

In diesem Zusammenhang fallen mir Situationen, die ich von Familienfesten kenne, ein. Solche Familienfeste auf denen sich immer und immer wieder dieselben Personen seit Jahren gegenüber sitzen. Die Eltern, Schwiegereltern, Tanten, Onkel, Cousinen … und die Themen sind allzu oft die gleichen. Man glaubt man kennt sich, hätte sich schon alles gesagt und nachdem man sich über den neuesten Tratsch informiert hat, wird geurteilt, gewertet, gemeckert was das Zeug hält.  Und die Schuldigen sind schnell gefunden. Der Nachbar, der Chef, Angela Merkel und Donald Trump, die Ex-Schwiegertochter …

Kennst du diese Art von Familienfeste? Sie gleichen selten einem Fest. Ich hatte oft das Gefühl einen Gerichtssaal zu betreten, wo über Recht und Schuld gesprochen wird, weniger einen Festsaal. Heute verzichte ich auf diese Feste und sage gerne ab.

Was wir wirklich brauchen

Was wir in unseren eigenen Reihen brauchen sind Menschen, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen. Und hier dürfen wir gerne mit guten Beispiel vorangehen. Wir brauchen Menschen die bereit sind, ihren eigenen Anteil am Geschehen zu sehen und zu hinterfragen. Menschen die neue Wege gehen, statt dauernd zu kritisieren. Kritikern wird kein Denkmal gebaut, wohl aber den Pionieren, die mutig voranschreiten, ihren eigenen Weg gehen, auch wenn sie dabei viele Federn lassen müssen, weil sich ihnen Kritiker, Nörgler und Bedenkenträger in den Weg stellen. „Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder macht was er will?“ lautet ein Satz, den man als Pionier oft zu hören bekommt. Aber woher sollen wir wissen wo wir hinkommen, wenn niemand losgeht und schaut, wo wir hinkommen könnten?

Von Anna und ihrem Plan einer Regenbogen-Patchworkfamilie

Ich hatte vor wenigen Wochen mit Anna, einer fröhliche junge Frau, gesprochen. Sie erzählte mir, dass sie eine kleine Tochter hat, sich aber sehr viel mehr Kinder wünscht. Weil die Beziehung auf freundschaftlicher Basis zum Vater ihrer Tochter besser harmoniert, haben die beiden sich friedlich getrennt. Anna zog mit ihrer Freundin in eine WG. Das WG-Leben gefällt ihr sehr und passt wunderbar zu ihrem Lebensstil. Über meinen Patchworkfamilien-Kongress hat sie von Familyship erfahren. Das ist eine Plattform für Menschen, die auf freundschaftlicher Basis mit anderen Menschen eine Familie gründen wollen. Anna war sofort Feuer und Flamme. Sie hat sich angemeldet und es hat nicht lange gedauert, da hatte sie ein schwules Paar gefunden die sich ebenfalls Kinder wünschen. Die drei verstehen sich auf Anhieb, waren bereits zwei Mal gemeinsam verreist und Anna fühlt sich mit ihnen unglaublich wohl, aufgehoben und sicher. Für sie ist klar, mit diesen beiden Männern möchte sie weitere Kinder bekommen. Sie sieht vor sich ein buntes, lebhaftes Familienleben, mit vielen facettenreichen Menschen darin. Doch die Freude darüber versiegte, als sie ihrem Umfeld davon erzählte. Jetzt stehen die Bedenkenträger auf der Matte. Die Eltern, Verwandte, alte Freunde und sogar der Vater ihrer Tochter schaltet sich ein. Neben Unverständnis erfährt sie großes Entsetzen. Ihr Expartner möchte jetzt wieder in eine Beziehung mit ihr, ja sogar weitere Kinder. Sie ist hin- und hergerissen, würde gerne weiter ihren Weg gehen, ist aber verunsichert.

Mut zum eigenen Lebensweg

Als ich sie fragte, was sie einschätzt, wie glücklich all die Menschen  da draußen sind, von denen sie kritisch hinterfragt wird, lachte sie laut auf und schüttelte nur den Kopf. Keiner von ihnen wirkt glücklich, das Gegenteil ist der Fall. Wohingegen Anna vor Glück strahlte, als sie mir von ihrer neuen Familienkonstellation mit dem schwulen Paar berichtete. Menschen wie Anna sind Pioniere in meinen Augen. Sie gehen neue Wege, andere Wege. Und Kinder die in so einer bunten Konstellation aufwachsen, mit Erwachsenen um sich herum, die miteinander wertschätzend umgehen, die so facettenreich wie das Leben selbst sind, haben die allerbesten Chancen ihre Potenziale zu entfalten. In so einer großen Gemeinschaft, finden diese Kinder immer jemanden, der mit ihnen eine Leidenschaft teilt. Das ist wahrer Reichtum. Und so findet Anna den Weg zurück in die für mich ursprünglichste Familienform. Ein Leben in einer kleinen Sippe, in der alle Verantwortung übernehmen, und zwar nicht nur für sich und die eigenen Kinder, sondern für die gesamte Gemeinschaft. Und genau dieses Verantwortungsbewusstsein ist in unserer Gesellschaft verloren gegangen. Und wenn wir unseren Planeten retten wollen, wenn wir uns als Mensch retten wollen, müssen wir dieses Verantwortungsbewusstsein in uns wecken.

Es ist so schön und selbstermächtigend Verantwortung für sein eigenes Tun im eigenen Umfeld zu übernehmen. Wir befreien uns aus unserer Opferrolle, die uns klein und hilflos macht. Wir werden wieder zu Schöpfern unseres Lebens. Und dieses Gefühl macht uns einerseits demütig und andererseits lässt es uns wachsen, weit über uns hinaus. Wie fühlt sich das für dich an?

Das war mein Impuls für heute.

Alles Liebe

Yvonne

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