Patchwork-Gemeinschaft statt Patchwork-Familie

Warum sollten wir lieber von Patchwork-Gemeinschaften statt von Patchwork-Familien sprechen?

Ich lebe nun schon seit knapp 10 Jahren in einer Patchwork-Familie. Habe bereits viel darüber in meinem Blog geschrieben, Podcasts veröffentlicht und Videos gedreht, aber erst jetzt ist mir bewusst geworden, wie irreführend und anmaßend, ja nahezu zerstörerisch das Wort Patchwork-Familie sein kann.

Für viele Patchworker ist das vermutlich vollkommen unverständlich und empörend.  Sie werden sagen: Natürlich sind wir eine Familie, schließlich leben hier zwei Elternteile in einem Haushalt, die Verantwortung für die Kinder tragen.

Ich will erklären, warum ich es dennoch klüger finde von Patchwork-Gemeinschaften zu sprechen.

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Was heißt hier Patchwork-Familie?

In meinem Artikel „Der größte Fehler, den fast jede Patchworkfamilie macht“ habe ich bereits darüber berichtet, dass der Begriff Familie heute nicht mehr das gleiche aussagt, wie vor 200 Jahren, wo zur Familie auch die Mägde und Knechte zählten. Vermutlich ist die ursprüngliche Form von Familie die einer Großfamilie, die Sippe, ähnlich einem patriarchalischen bäuerlichen Betrieb, sprich, das Oberhaupt mit einer Frau, Mägden und Knechten und zahlreichen Kindern, die kreuz und quer gezeugt wurden.

Heute spricht man von Familie, wenn man miteinander (bluts)verwandt ist. Ich denke, genau das ist es, woran sich viele Menschen in Patchwork-Familien stören, die dieses Lebensmodell nicht bewusst gewählt haben. Das sind in der Regel die Kinder, die Expartner und auch die Großeltern.

Verborgene Sehnsüchte

Vor allem in der Anfangsphase, wäre es vielleicht klüger von einer Patchwork-WG oder Gemeinschaft statt von einer Patchwork-Familie zu sprechen. Wenn Patchwork-Eltern schon zu Beginn von einer Patchwork-Familie sprechen, macht das vor allem eines deutlich: ihre verborgene Sehnsucht nach allem, was sie mit dem Begriff Familie verbinden. Das können Geborgenheit, Sicherheit, ein friedvolles Nest und Nähe sein.

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Wie der Begriff Patchwork-Familie Verwirrung auslöst

Doch wie nimmt das ein Kind wahr, das gerade die Trennung seiner Eltern erlebt hat oder noch mittendrin steckt? Es fragt sich vielleicht: Was ist mit Mama? Was ist mit Papa? Soll es Papa jetzt nur noch am Wochenende geben? Soll Mamas Neuer mein Papa sein?

Solche Gedanken lösen Verwirrung, Widerstand, Wut und/oder Trauer aus. Auch die Expartnern reagieren nicht selten extrem empfindlich, wenn sie das Gefühl haben, sie werden in das neue Patchwork-Familien-Glück gedrängt. Mitunter spüren sie die unausgesprochene Erwartungshaltung Friede-Freude-Eierkuchen zu spielen.

Expartner fühlen sich nicht selten in ihrer Rolle als Mutter oder Vater verdrängt, ausgetauscht und abgelöst. Und das weckt Konkurrenzgefühle. Ehe man sich versieht, hat man mit den besten Absichten den Nährboden für die typischen Patchwork-Konflikte bereitet.

Wenn das gemeinsame Ziel fehlt

Natürlich ist es das Ziel aller frisch gebackenen Paare, die bereits Kinder aus vorherigen Beziehungen mitbringen, zu einer harmonischen Patchwork-Familie zusammenzuwachsen. Aber sie sollten sich bewusst machen, dass es nicht genügt, wenn nur sie dieses Ziel verfolgen.

Ich vergleiche das gerne mit Unternehmen. In einem guten Unternehmen zum Beispiel, das am Markt erfolgreich ist und stetig wächst, gibt es oft eine gemeinsame Leitkultur – ein Ziel, dass alle Mitarbeiter kennen und dem sie bestenfalls folgen. In Patchwork ist das extrem selten der Fall. Das Gegenteil trifft zu. Das Patchwork-Paar, die Kinder und Expartner verfolgen unterschiedliche Ziele.

Macht es vor diesem Hintergrund nicht Sinn, vor allem am Anfang lieber von einer Patchwork-Gemeinschaft statt von Familie zu sprechen? Lieber den Fokus auf ein vorsichtiges Annähern, sich Kennenlernen und spielerisches Herausfinden der Liebenswürdigkeiten und Macken des anderen legen?

Das Wir-Gefühl dieser neuen Gemeinschaft muss erst entwickelt werden. Und das braucht Zeit.

Mein eigener Irrweg

Tja, es hat lange gedauert, bis mir dämmerte, wie konfliktbehaftet das Wort Patchwork-Familie ist. Als ich in Patchwork startete, war ich voller Ideale im Kopf und glaubte zu wissen, was richtig und falsch war. Ich war engstirnig, stur und würde heute sagen, trotz meiner vielen Erfahrungen mit Patchwork absolut unvorbereitet.

Damals hatte ich den festen Entschluss gefasst, diese beiden Familien zu einer harmonischen Patchwork-Familie zu vereinen. Über meine unbewussten Motive war ich mir kaum bewusst. Natürlich gab es Widerstand von allen Seiten, sogar bis heute. Meinen kühnen Plan hatte ich irgendwann aufgegeben müssen.

Ich habe akzeptiert, dass nicht jeder mit meinem Ziel einverstanden war. Selbstverständlich übernehme ich nach wie vor Verantwortung, prüfe aber genau, welche Aufgaben tatsächlich meine sind und welche nicht.

Leben in einer WG statt in einer Patchwork-Familie

Heute ist mir bewusst, das Leben in einer Patchwork-Familie gleicht dem Leben in einer WG. Es gibt unterschiedliche Lebensstile, Ansichten über Ordnung und Sauberkeit, Streit darüber, wer wann das letzte Mal die Spülmaschine ausgeräumt hatte und ab wann Ruhe am Abend einkehren sollte. Die eigenen Persönlichkeitsrechte werden nicht immer gewahrt und oft fehlt einfach Raum, um sich zurückzuziehen. Wer in einer WG leben möchte, muss vor allem eines mitbringen, viel Toleranz gegenüber den Gewohnheiten und Macken seiner Mitmenschen.

Die Probezeit

Als Familie zusammenzuwachsen ist möglich, aber das braucht eben Zeit. Die ersten zwei Jahre sind die Bewährungsprobe. Das sind die schwierigsten Jahre in Patchwork. Während dieser Zeit würde ich noch nicht von Familie sondern nur von Gemeinschaft sprechen. Das nimmt den Druck raus und lässt Gestaltungsspielraum offen.

Eine ordentliche Portion Offenheit

Offen für Neues zu sein, ist eine Zutat, die sowohl für den Kopf als auch für das Herz wichtig sind. Wer nicht offen ist und eher dazu neigt, dicht zu machen, stößt schnell an seine Grenzen und hält nicht lange durch. Gute Patchworker brauchen ein offenes Herz und Hirn, um ihre Mitmenschen und deren Gewohnheiten kennen und lieben zu lernen.

In Patchwork-Familien wird vieles hinterfragt und aus einer anderen Perspektive betrachtet, da braucht man einen wachen, neugierigen und offenen Geist, aber auch Mut, seine eigenen Gewohnheiten oder auch Macken anzuschauen.

Mut brauchen Patchworker vor allem, weil sie neues und unbekanntes Terrain betreten. Es gibt wenige Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Das Leben in Patchwork-Gemeinschaften verlangt die Fähigkeit, sich zu zeigen, mit allem, was uns ausmacht. Und dazu gehört eine ordentliche Portion Mut und Entschlossenheit.

Also, nur Mut 🙂

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1 Gedanke zu „Patchwork-Gemeinschaft statt Patchwork-Familie“

  1. Ich glaube, so individuell jede Patchwork-Geschichte ist, so viele verschiedene Bezeichnungen werden sich finden lassen. Für meine persönliche Situation geht weder „WG“ noch „Gemeinschaft“, Familie allerdings auch nicht. Das hat in unserem Fall mit einer extremen Parentifizierung zu tun. Eine Bezeichnung wie WG oder Gemeinschaft würde die Rolle des Kindes in meiner Konstellation negativ verstärken. Also legen wir uns nicht fest, sondern nehmen die Formulierungen so an, wie sie für die jeweilige PW-Konstellation passen.

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