Die Familienkonferenz: unverzichtbar für Patchworkfamilien

Eine Familienkonferenz ist ein fantastisches Werkzeug, um

  • sich besser kennenzulernen
  • sich auszutauschen
  • Wünsche zu äußern
  • Konflikte zu lösen

Regelmäßige Konferenzen schaffen ein Gefühl von Verbundenheit und stärken das Immunsystem der Familie.

Umso erstaunter bin ich immer, wie wenig Konferenzen in Familien stattfinden. Sicher, es kostet anfänglich Überwindung sich in den Konferenzen offen und ehrlich zu zeigen, sich den Konflikten offen zu stellen, aber ich kenne neben der Gewaltfreien Kommunikation kein besseres Tool für ein gesundes und stabiles Familienleben.

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Warum die Familienkonferenz für Patchworkfamilien so wichtig ist

Für Patchworkfamilien halte ich die Familienkonferenz für unverzichtbar. Gerade wenn sich zwei Familien zusammenschließen sind Konflikte vorprogrammiert. Jede Familie tickt und lebt anders. Und ich habe die Erfahrung gemacht, dass niemand gerne von seinen Gewohnheiten abweichen möchte. Um diesen Konflikten zu begegnen und das zukünftige gemeinsame Patchworkfamilienleben zu gestalten, braucht es die Familienkonferenz. Ich kenne kein besseres Werkzeug.

Vorprogrammierte Konflikte, wenn zwei Familienkulturen aufeinander prallen

Selbst wenn wir die gleiche Sprache sprechen und im selben Kulturkreis sozialisiert wurden, so ist die Verbindung zweier Familien ein nicht zu unterschätzendes Integrationsprojekt. Jede Familie hat seine eigenen Routinen und Marotten entwickelt.

Ein Beispiel

In meiner Familie durften die Kinder im Schlafanzug am Tisch sitzen, sie durften herumlümmeln, denn: Wo sonst, wenn nicht zu Hause, dürfen sie das tun? Mein Großer durfte auch mit Kopfhörern am Tisch sitzen, weil er morgens nicht gerne spricht und nicht das ununterbrochene Geplapper seiner kleinen Schwester hören möchte.

In der Familie meines Partners hingegen saßen alle angezogen am Tisch. Die Knie mussten unten bleiben und Herumlümmeln oder gar mit dem Handy am Tisch sitzen wurde nicht geduldet, denn: Wenn sie nicht zu Hause lernen, sich anständig zu benehmen und miteinander zu reden, dann lernen sie es nirgendwo.

Zwei Argumente, zwei Gewohnheiten stehen sich in der neuen Patchworkfamilie gegenüber. Wie geht man damit um? Bei uns half die Familienkonferenz, hier konnten wir uns auf Kompromisse einigen. Im Schlafanzug am Tisch sitzen ja, der Schneidersitz ist okay, aber nur, solange die Knie unten bleiben. Das Handy am Frühstückstisch ist ebenfalls erlaubt, schließlich lesen wir Erwachsene morgens auch unsere Zeitung, aber zum Abendessen gibt es keine Medien bei Tisch, weder Handy noch Zeitung, und ferngesehen beim Essen wurde glücklicherweise in keiner der beiden Familien.

Stellvertreterkämpfe statt Familienkonferenz

In Patchworkfamilien werden gerne Stellvertreterkämpfe geführt:  Wer darf neben wem und wo am Tisch sitzen? Wie und wann wird gegessen oder gekocht? Was wird gegessen? Bleiben die Türen immer offen oder geschlossen? Usw.

Das sind Fragen, die ausgefochten werden. Doch die wichtigste Frage sollte lauten: Wie wollen wir zukünftig gemeinsam leben? Denn mit der Patchworkfamilie entsteht etwas Neues, und dieses Neue lässt sich am besten gemeinsam kreieren.

Familienkonferenz: Wenn eine Familie tagt

Um Konflikte zu besprechen und Kompromisse zu finden, wurde bei uns das „Family-Meeting“ – oder anders gesagt: die Familienkonferenz ins Leben gerufen. Immer wenn es etwas Wichtiges zu besprechen gibt, sitzen wir alle um unseren großen Küchentisch herum und diskutieren. Auch dafür gibt es Regeln.

Regeln

Eine gute Konferenz braucht Regeln. Diese Regeln können mit den Kindern gemeinsam beim ersten Treffen erarbeitet werden. Je nachdem wie alt die Kinder sind, können diese in Form von Symbolen oder Wörtern auf ein Plakat oder auf Tischkarten erstellt werden. Sie sollten bei jeder Konferenz gut sichtbar platziert werden, um notfalls daran zu erinnern.

Beispiele:

  • Jedes Familienmitglied nimmt an der Konferenz teil.
  • Jedes Familienmitglied ist ok. Du bist richtig. Ich bin richtig.
  • Wir lassen den anderen ausreden.
  • Unterschiede darf es geben. Jeder nimmt die Welt anders wahr.
  • Das Gesagte darf nicht ins Lächerliche gezogen oder abgewertet werden.
  • Wir hören zu und fragen nach, bevor wir sofort gegenargumentieren.
  • Jedes Gefühl und Bedürfnis ist erlaubt und darf geäußert werden.
  • Jeder Vorschlag, jede Idee und jeder Wunsch werden gehört.

Wir versuchen außerdem in der Ich-Form zu sprechen. Statt zu sagen: „Du bringst nie den Müll raus“, lieber: „Ich habe jetzt schon dreimal hintereinander den Müll rausgebracht. Ich fühle mich mit der Hausarbeit alleingelassen, dabei ist es unser gemeinsamer Müll und ich fände es fair, wenn jeder mithilft. Wie denkt ihr darüber?“ Das ist eine Form der wertschätzenden Kommunikation, die nicht darauf abzielt, andere fertigzumachen oder anzugreifen. Jeder Angriff erzeugt Widerstand und blockiert den Weg zu einer gemeinsamen Lösung. Eine offen gestellte Frage am Ende signalisiert meinem Gegenüber, dass ich ihn achte, und gibt ihm die Möglichkeit, seine eigene Meinung zu äußern. Natürlich ist es nicht leicht, so zu kommunizieren. Das haben wir nie gelernt. Es erfordert viel Selbstdisziplin, aber es wird leichter, je öfter man es praktiziert. Eine gelungene Kommunikation ist eine Kunst und erfordert die Disziplin, sich von seinen Emotionen nicht beherrschen zu lassen.

Grundsätze achtsamer Kommunikation

Eine achtsame Kommunikation öffnet Herzen und ebnet Wege zu außergewöhnlichen Lösungsideen. Die Grundsätze können wie die Regeln gut sichtbar bei jedem Treffen platziert werden.

Für den, der spricht:

  1. Beschreibe deine Gefühle und Bedürfnisse so genau und so ehrlich wie nur möglich.
  2. Rede dabei nur von dir. Benutze „Ich-Sätze“ keine „Du-Sätze“, die den anderen beschreiben, bewerten oder beschuldigen.
  3. Gib für alles ein konkretes Beispiel.
  4. Bleib beim Thema, keine Rundumschläge.

Für den, der zuhört:

  1. Versuche nicht zu werten, was der andere sagt.
  2. Fasse zusammen, was du gehört und verstanden hast.
  3. Frage nach, wenn du etwas nicht verstanden hast.
  4. Gib Anerkennung für das Gehörte.
  5. Melde genauso offen und ehrlich zurück, was das gehörte bei dir auslöst.

Das Schöne dabei ist:

  • jeder in der Runde wahrt sein Gesicht und
  • jeder wird ernst genommen.

Durch die Rede in Ich-Form schenken wir unserem Gegenüber einen Einblick in unsere Gefühlslage. Nur so ist es möglich, Mitgefühl und Verständnis für den anderen zu entwickeln. Gleichzeitig sind wir aufgefordert, in uns hineinzuspüren und unsere Gefühle und Bedürfnisse, die aus den Konfliktsituationen heraus entstehen, zu erkennen. So bekommen wir auch für unsere eigene Situation ein klares Bild. Jedes Gefühl ist erlaubt und darf auch benannt werden. Das ist mir besonders wichtig. Unterdrückte Gefühle bahnen sich immer ihren Weg, schlimmstenfalls in einer ungünstigen zukünftigen Situation und in einem Umfeld, das damit nicht umgehen kann.

Jeder soll das Gefühl haben, er wird gesehen, gehört und ernst genommen . Jeder darf etwas zur Lösung des Konflikts beitragen.

Die Umsetzung ist oft nur ein Kinderspiel

Sind am Ende des Meetings alle mit dem Kompromiss oder der Lösung einverstanden, ist die Umsetzung oft ein Kinderspiel. Diese Meetings sollten nicht in Endlosdiskussionen ausarten. Sie sollen viel mehr Freude machen. Und wie bei Business-Meetings sind Kekse, Obstspieße, Kakao und Kaffee willkommene Gaumenfreuden zwischendurch. Andere Familien gehen anschließend Pizza essen. Auch das motiviert Kinder daran teilzunehmen.

So ein Meeting schweißt die Familie oft noch enger zusammen. Ein Gemeinschaftsgefühl entsteht, weil alle gemeinsam etwas Neues erschaffen haben. Aus unseren Meetings sind wir immer gestärkt und mit einem guten Gefühl herausgegangen. Wunderbare Momente und klärende Erkenntnisse sind daraus entsprungen, die entscheidend waren für unseren zukünftigen gemeinsamen Weg.

Tipps für eine gelungene Konferenz:

Wie oft und wie lange?

Ein bis zwei Mal im Monat.

Für Kinder bis zu 5 Jahren sollte die Konferenz nicht länger als 20 Minuten dauern. Schulkinder vertragen 40 Minuten, Teenies und Jugendliche auch mehr. Generell sollte ein Meeting nicht länger als 90 Minuten dauern. Ein Konflikt wird nicht gelöst? Organisiert einfach weiteres Treffen und vertagt die Diskussion.

Moderator

Die ersten Male wechseln die Erwachsenen sich mit der Moderation ab. Danach können die Kinder die Moderation übernehmen, solange die Eltern jederzeit unterstützen können.

Der Moderator eröffnet die Runde und liest die Themen für das Treffen vor. Es sollten nicht mehr als drei sein. Er nimmt Wortmeldungen entgegen und greift bei Verletzungen der Regeln ein.

Am Ende fasst der Moderator kurz zusammen und schreibt die Vereinbarungen in das Protokoll. Gegebenenfalls lässt er sich korrigieren, ohne erneut mit der Diskussion zu beginnen. Er bedankt sich bei den Teilnehmern und beendet die Konferenz.

Beim allerersten Treffen kann der Moderator mit folgenden Worten beginnen: „Wir halten diese Familienrunde ab, weil es für uns wichtig ist zu wissen, wie es allen geht in unserer Familie. Erst wenn wir das herausgefunden haben, wissen wir auch, wie es unserer Familie als Ganzes geht. Ich hoffe, dass sich alle frei genug fühlen, um zu sagen, was sie auf dem Herzen haben – und ich fange an.“*

Bild Protokoll

Du kannst dir diese Protokollvorlage für die Familienkonferenz kostenlos herunterladen.

Regeln

Wie schon gesagt: Eine gute Konferenz braucht Regeln, die für jeden sichtbar sein und eingehalten werden sollten.

Haltung

Das ist eines der wichtigsten Bausteine. Es braucht die Haltung, dass jedes Familienmitglied richtig und ok ist. Du bist ok – ich bin ok. Es braucht die Bereitschaft sich gegenseitig auf Augenhöhe zu begegnen. Deine Bedürfnisse sind wichtig – meine Bedürfnisse sind wichtig. Wie schaffen wir es uns unsere Bedürfnisse zu erfüllen.

Gewaltfreie Kommunikation

Um diese Haltung zu integrieren und gewaltfrei zu kommunizieren, lohnt sich die Beschäftigung mit der gewaltfreien Kommunikation.

Ich wünsche euch kreative und lösungsorientierte Familienkonferenzen, die euch als Patchworkfamilie zusammenschweißen lässt.

 

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Beitragsbild von Hebi B. auf Pixabay

2 Gedanken zu „Die Familienkonferenz: unverzichtbar für Patchworkfamilien“

  1. Hallo liebe Yvonne,
    wir wollen gern eine Familienkonferenz vorbereiten. Dazu würden wir gern Deine Vorlage des Protokolls nutzen. Da die Vorlage leider bei mir nicht verlinkt erscheint, würde ich Dich bitten, sie mir noch einmal per E-mail zu senden. Vielen Dank!
    Herzliche Grüße von
    Ursel

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