Anerkennung

Du brauchst keine Anerkennung

Menschen suchen nach Anerkennung, vor allem in den zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie. Brauchen wir sie wirklich, um glücklich zu sein?

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„Du musst nicht von allen gemocht werden: Vom Mut sich nicht zu verbiegen“ lautet der Titel des Buches, dass mich gerade fesselt und zu diesem Beitrag inspirierte. Ich würde sagen, es ist ein absolutes Muss für jeden Patchworker. Und eine gute Lektüre für den Start in das neue Jahr. Das Buch ist von Ichiro Kishimi und Fumitake Koga.  In diesem Buch trifft junger Mann einen Philosophen, der ihm die Erkenntnisse von Alfred Adler, ein österreichischer Arzt und Psychotherapeut, vermittelt. Er erklärt dem jungen Mann, wie jeder von uns in der Lage ist, sein eigenes Leben zu bestimmen, und wie sich jeder von den Fesseln vergangener Erfahrungen, Zweifeln und Erwartungen anderer lösen kann.

Die Sucht nach Anerkennung

Adler sagt: Alle Probleme sind zwischenmenschliche Probleme. Menschen suchen nach Anerkennung. Für den Sohn ist es wichtig, vom Vater anerkannt zu werden, für die Tochter von der Mutter, die Schwester vom Bruder, die Stiefmutter von den Kindern ihres Partners. Der Sohn studiert Jura, weil er glaubt dann Anerkennung und Achtung vom Vater zu erhalten. Die Stiefmutter ist stets verständnisvoll und überangepasst, nur um bloß nicht abgelehnt zu werden. Das alles sind Handlungen, die nur aus einer einzigen Motivation heraus entstehen: der Suche nach Anerkennung.

Und da kommt ein zweiter Grundsatz von Adler ins Spiel: Es gibt keine Notwendigkeit von anderen anerkannt zu werden.
Genau genommen darf man auch keine Anerkennung suchen. Wenn man von anderen anerkannt wird, kann man darüber sehr glücklich sein, aber es wäre falsch zu behaupten, dass Anerkennung absolut notwendig ist.

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Eine Frage des Selbstwertes

Warum möchte man von anderen anerkannt werden? Weil wir dadurch glauben etwas Wert zu sein. Möglicherweise können wir dadurch unsere Minderwertigkeitsgefühle überwinden. Es ist eine Frage des Wertes. Weil ich nicht genug Anerkennung von meinen Eltern erhalten haben, fühle ich mich minderwertig. Aber ist das wirklich so?

Keine Anerkennung in der neuen Familie

Ich habe ein Beispiel aus meiner Praxis:
Eine junge Frau wird von ihren Stiefkindern abgelehnt. Das quält sie, macht sie traurig und manchmal richtig wütend. Sie versteht die Gründe nicht und fühlt sich ungerecht behandelt, denn schließlich kümmert sie sich seit einem Jahr liebevoll um die Kinder und hat sogar Aufgaben im Haushalt übernommen, die ihr Partner vorher alleine mit den Kindern bewerkstelligen musste. Aus ihrer Sicht registriert kaum jemand, dass sie es ist, die ständig putzt, kocht und einkauft. Und selbst wenn es die anderen bemerken, niemand spricht seine Anerkennung aus oder bedankt sich bei ihr dafür. Wie lange wird sie noch so weiter machen? Wann wird sie ihre Motivation verlieren, weil die Belohnung ausbleibt? Was glaubst du?

Kein Wort der Anerkennung oder des Dankes

Es wird nicht lange dauern, bis sie sich zumindest darüber beschwert, dass niemand ein Wort der Anerkennung oder Dankes zu ihr sagt. Denn das ist die Belohnung, die sie sich erhofft. Sie möchte in dieser Familie anerkannt werden. Jetzt wirst du vielleicht denken: das ist doch normal und ganz natürlich. Aber ist es das wirklich? Oder wurde uns so zu denken und zu fühlen vielleicht nur anerzogen?

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Das Prinzip der Belohnung und Strafe

Die meisten von uns sind mit dem Prinzip der Belohnung und Strafe erzogen worden. Wer sich richtig verhält wird belohnt. Wer sich falsch verhält, wird bestraft. Eine einfache und simple Strategie, die wir überall in unseren zwischenmenschlichen Beziehungen wiederfinden und die auch funktioniert. Adler hatte diesen Erziehungsstil stark kritisiert. Er führt zu einem falschen Lebensstil. Wenn mich niemand lobt, habe ich mich nicht korrekt verhalten oder wenn mich niemand bestraft, brauche ich mich auch nicht korrekt zu verhalten.

Warum wir unsere Motivation verlieren

Wenn sich hinter allem was wir tun nur das Ziel der Belohnung oder die Angst vor Strafe verstecken, werden wir früher oder später unsere Motivation verlieren. Wie lange werden wir uns noch allein um den Haushalt kümmern, wenn wir wissen, dass es niemals eine Belohnung bzw. Strafe geben wird? Wir werden irgendwann empört sein oder beschließen aufzuhören. Und an dieser Art zu denken, ist eindeutig etwas falsch.

Lebe nicht, um die Erwartungen anderer zu erfüllen

Wir sind nicht auf dieser Welt, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen. Das heißt nicht, dass wir ab sofort nur noch egoistisch und eigennützig unterwegs sind. Doch wenn wir nicht von selbst und innen heraus die Motivation verspüren, die Wohnung aufzuräumen, weil wir in einem geordneten Umfeld leben wollen, dann sollten wir es auch nicht für andere tun. Denn sonst leben wir nicht unser Leben, sondern das Leben der anderen. Doch wenn wir unser Leben nicht für uns selbst leben, wer sollte es dann für uns tun? Für wen leben wir dieses Leben? Natürlich für uns selbst. Das ist nicht nihilistisch und egoistisch. Ich glaube, das ist unsere Pflicht.

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Wenn ich nur damit beschäftigt bin, wie andere mich sehen, was sie von mir denken und halten und ob sie mich mögen, dann lebe ich das Leben nach den Wertevorstellungen der anderen und nicht meines. Und das ist die Gefahr, die ich in den sozialen Medien sehe. Sein Leben nach den Erwartungen anderer auszurichten oder dass man eine bestimmte Art von Mensch ist – schlank, intelligent, erfolgreich – ist so als würde ich das Kleid meiner Nachbarin oder Mutter tragen. Am Ende weiß ich nicht mehr, wer ich eigentlich wirklich bin.

Die anderen sind nicht da, um meine Erwartungen zu erfüllen

Ich bin nicht auf dieser Welt, um den Erwartungen der anderer gerecht zu werden. Die logische Schlussfolgerung ist: die anderen sind nicht da, um meine Erwartungen zu befriedigen. Meine Stiefkinder lehnen mich ab, obwohl ich so viel für sie tue. Doch das ist kein Grund wütend oder enttäuscht zu sein. Das ist ihre freie Entscheidung und Wahl. Und mit ihrer Entscheidung sollte ich mich nicht identifizieren.

Warum es notwendig ist, auf Anerkennung zu verzichten

Ich darf meine eigenen Wertvorstellungen haben und pflegen und sie dürfen das auch, denn sonst würde ich mich in die Abhängigkeit begeben und wäre nicht mehr frei. Selbst wenn ich, bei allem was ich tue, keine Anerkennung erfahre, bin ich es, die mein Leben leben muss. Und um mein Leben so gut und ausgefüllt leben zu können, ist es sogar notwendig auf die Anerkennung der anderen zu verzichten.

Mal ehrlich, wenn du die Anerkennung bekommst, die du dir wünschst, hast du dann dein Glück gefunden? Nein, vermutlich nicht.

Deine Challenge im neuen Jahr

Ich möchte dir eine Aufgabe mit ins neue Jahr geben. Prüfe bitte einmal, welche Tätigkeiten machst du, entweder mit dem Ziel eine Belohnung zu erhalten (in Form von Anerkennung) oder aus Angst vor Strafe. Nimm dir für das neue Jahr vor, mindestens eine dieser Aufgaben nicht mehr zu erfüllen. Überlege dir, was du stattdessen gerne tun würdest. Etwas, wofür du weder Anerkennung noch Lob oder Dank erwartest. Es sollte eine Tätigkeit sein, die dich von innen heraus motiviert und erfüllt.

Wie erkennt man welche Aufgaben zu mir gehören und welche Aufgaben die der anderen sind? Das erzähle ich dir in der nächsten Woche.

Komm gesund ins neue Jahr.

Yvonne

 

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