Angst vor Ablehnung

Die Angst vor Ablehnung und warum sie uns lähmt

Ich glaube nahezu jeder Mensch hat Angst vor Ablehnung. Mit Ausnahme der wenigen Psychopathen auf diesem Planeten, denen es vollkommen egal ist, was deren Mitmenschen von ihnen denken.

Die Angst vor Ablehnung ist ein zentrales Thema in Patchworkfamilien und sie ist auch mein zentrales Thema. Sie taucht immer mal wieder auf. Heute ganz besonders. Ein Streit rief sie hervor. Ein heftiger Streit, der mich tief getroffen hat und an meinen Grundfesten rüttelt.

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Ohnmacht, Kälte und Tränen

Wenn das passiert, überfällt mich eine Ohnmacht, die mich nahezu lahm legt. Tränen fließen unaufhaltsam, meine Energie sinkt nach unten und scheint aus mir herauszufließen. Zurück bleibt Leere und ich fange meist an zu frieren. In solchen Momenten wird mir kalt. Mein Körper zittert, ganz leicht, aber unaufhaltsam. Meinen Job erledige ich trotzdem, obwohl ich mich lieber unter einer dicken Kuscheldecke verstecken würde.

Rückzug als Verteidigung

Mich zu verstecken hat in der Vergangenheit nur eines bewirkt: Ich zog mich zurück, verriegelte die Türen, baute eine fette Schutzmauer um mich herum und machte zu. Nicht selten überfiel mich ein Schwall aus Trauer und Selbstmitleid. Ja, ich war Meisterin darin mich selbst zu bemitleiden. In dieser Phase waren die Welt, das Leben, meine Mitmenschen furchtbar ungerecht, der Himmel düster und der Abgrund ganz nah.

Auf meinen Fluchtreflex kann ich mich in solchen Momenten außerordentlich gut verlassen. Er setzt schnell ein und ich gab ihm viel zu oft nach. Ich lief davon und vergaß, dass es Menschen in meinem Umfeld gab/gibt, die ebenfalls leiden. Die waren mir aber egal. Ich war unfähig über die Grenzen meines eigenen Leidens hinauszublicken. Unfähig, mich aus dieser Situation hinauszubeamen, um einen Blick von außen oder sagen wir, einen Blick von oben wie ein Vogel auf die Situation zu werfen. Dann nämlich hätte ich erkannt, dass ich nicht allein so fühle.

Vom Versuch alte Muster zu brechen

Heute versuche ich das Muster zu brechen. Ich ziehe mir keine Decke mehr über den Kopf. Ich zeige nicht mehr mit dem Finger auf die ungerechte, harte und böse Welt da draußen. Stattdessen widme ich mich meinem Gefühl der Leere, des Frierens und der Zurückweisung.

Natürlich spüre ich dennoch den starken Drang wegzulaufen, aber ich tue es nicht. Ich bleibe und mit mir bleibt die Ablehnung. Ja, sie wird sogar noch stärker. Ich werde ignoriert, man würdigt mich keines Blickes und am Ende des Tages werde ich allein gelassen, ohne ein einziges Wort.

Die Taktik der Ablehnung

Eine Taktik, die mir nur allzu gut vertraut ist. Ich kenne sie von Kindesbeinen an. Meine Mutter war Meisterin darin und ich wurde es später auch. Diese Taktik beinhaltet zwei Mechanismen die sehr vordergründig sind. Zum einen der Schutzmechanismus. Er zieht uns zurück, holt uns quasi aus der Gefahrenzone heraus, um uns vor weiteren Verletzungen zu schützen. Gleichzeitig bestrafen wir unser Gegenüber, wenn wir ihn ignorieren und missachten. Die Strafe ist der zweite Mechanismus.

Warum sich Ablehnung wie Strafe anfühlt

Ich kenne dieses Verhalten aus der Arbeit mit Pferden. Wer die Rangfolge nicht anerkennt und sich wie ein Rüpel benimmt, wird von dem Leittier aus der Herde ins Abseits gedrängt. Für das Pferd ist das die Höchststrafe, man könnte auch sagen eine Todesstrafe, denn nun muss es sich im Falle eines Raubtier-Angriffes alleine zur Wehr setzen und steht nicht mehr unter dem Schutz der Herde. Meistens werden die Pferde vom Leittier wieder zurückgeholt.

Ich glaube, dass wir Menschen ebenfalls dieses Wissen in uns tragen und deshalb zu dieser Strafmaßnahme greifen, ohne uns darüber wirklich bewusst zu sein. Diese Taktik der Ausgrenzung, der Ablehnung rüttelt an unseren Urängsten. Unsere Vorfahren standen, wenn sie Pech hatten, ebenfalls dem Säbelzahntiger allein gegenüber, wenn sie aus der Sippe ausgeschlossen wurden.

Die Angst vor dem Tod gleicht heute der Existenzangst. Das ist wunderbar bei Menschen zu beobachten, die sich trennen oder verlassen werden. Besonders häufig ist das bei Frauen der Fall, in deren Köpfen der Mann noch als Versorger der Familie als Rollenbild verankert ist. Wovor haben sie Angst? Haben sie Angst allein und mittellos dazustehen oder trauern sie um die verlorene Liebe? Angst stellt jede Vernunft in den Schatten. Wer Geißel seiner Angst ist, kann nicht mehr klar und vernünftig handeln.

Was hilft?

Mein Drang wegzulaufen verstärkt sich in Anbetracht dieser Angst, doch ich bleibe. Ich ziehe mir etwas Warmes an, denn ich friere nun noch stärker. Ich mache mir eine Tasse Tee, setze mich nach draußen und starre in den Himmel. Die Abendruhe ist wie Balsam für meine Seele. Die untergehende Sonne, lässt zart rosafarbene, in orange und blau übergehende Wölkchen an mir vorüberziehen. Und so wie diese Wölkchen am Himmel vorüberziehen, wird sich auch dieser Streit auflösen, wenn auch nicht so schnell.

Ich bleibe ruhig sitzen, lausche meinem Gefühl und frage mich:

  • Wie realistisch ist meine Angst?
  • Bin ich heute noch schutzlos feindlichen Angriffen ausgeliefert, wenn ich aus der Sippe oder dem Clan ausgeschlossen werde? Bedeutet das mein Todesurteil?
  • Gesetz den Fall, es gäbe keinen einzigen Menschen auf diesem Planeten, der mich noch liebt, was bleibt von mir übrig?
  • Was bleibt, wenn ich allein wäre?
  • Was ist meine Essenz?

Die Quintessenz

Aus Angst vor Ablehnung, verleugnen wir nicht selten unsere Essenz. Wir tragen Masken, die uns an Rollenbilder ketten, nur um geliebt und anerkannt zu werden. Aber ist das nicht die eigentliche Form der Ablehnung, in der wir uns selbst verraten? Wie sollen uns unsere Mitmenschen erkennen, wenn wir unsere Essenz ablehnen, indem wir uns maskieren?

Ich kam zu dem Schluss, das es nur einen Menschen auf dieser Welt braucht, der mich annimmt, in allem was ich bin, in meiner vollen Essenz. Und dieser Mensch bin ich. Sonst niemand. Das genügt. Mit diesem Gefühl ging ich schlafen und umarmte mich selbst. Tief, innig, und in voller Liebe.

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