Beziehung statt Erziehung

„Was bedeutet das für dich – ‚Beziehung statt Erziehung‘?“, so lautete eine der ersten Fragen von Katharina Walter, Initiatorin des gleichnamigen Online-Kongresses. Ich habe ihren Kongress teilgenommen und er hat mich zutiefst bewegt. Und mit mir hat sich unser Patchwork-Familienleben bewegt. Durch ihren Kongress ist mir noch bewusster geworden, was ich eigentlich bereits die ganze Zeit gefühlt habe.

Für mich war immer klar, dass die Beziehung zu meinen Kindern an erster Stelle steht. Nur wenn ich eine liebevolle Beziehung zu meinen Kindern habe, wenn ich die Verbundenheit mit ihnen ganz tief spüre … nur dann kann ich überhaupt erst einmal darüber nachdenken, sie zu erziehen.

Erziehung ist in unserer Familie immer wieder ein Thema zwischen mir und meinem Mann. Wo er klare Linien, Regeln und auch Strafen verhängt, versuche ich eine Abmachung mit den Kindern zu treffen. Die leider nicht selten scheitert, weil sie einfach nicht eingehalten wird. Folgt darauf jedoch eine Form von Strafe, wird diese Abmachung schnell eingehalten und schon ist man wieder im Teufelskreis der Erziehung gefangen.

Jemanden zu erziehen klingt in meinen Augen grausam. Ja fast schon gewalttätig. Wer möchte schon gerne erzogen werden? Im Grunde genommen weiß jeder, wie es sich anfühlt, wenn man von den Menschen, die einem am nächsten stehen, erzogen und gemaßregelt wird. Von Liebe ist in solchen Momenten wenig zu spüren. Vielmehr schleicht sich ein Gefühl heran, das sagt: „Wenn du diesen und jenen Wunsch von mir erfüllst, dann erhältst du von mir die größte Zuneigung.“ Das ist keine Form bedingungsloser Liebe. Das klingt eher nach einem Vertrag. Der im Unterbewusstsein der Kinder tiefe Spuren hinterlässt und nicht selten zu handfesten Problemen im Alltag des Erwachsenen führt.

Doch wie sieht mein Alltag aus, wenn ich nicht mehr erziehe? Darf mein Kind so lange Medienkonsum haben, wie es möchte? Darf es essen, was es möchte? Muss es sich an den Aufgaben im Haushalt beteiligen? Fragen über Fragen. Wir wissen alle, wie Erziehung funktioniert. Wir wissen auch, wie Kinder drauf sind, die überhaupt keine Erziehung erfahren. Zum Modell Erziehung gibt es wenig vergleichbare Modelle.

Was häufig verwechselt wird, ist, dass nicht mehr erziehen zu wollen nicht gleichbedeutend damit ist, die Verantwortung in die Hände der Kinder zu geben. Für das körperliche, geistige und seelische Wohl unserer Kinder sind wir mit verantwortlich. Das bedeutet, wenn mein Kind stundenlang am Computer spielen möchte, dadurch aber zu wenig Schlaf bekommt, zu wenig trinkt, am gemeinsamen Essen und am Familienleben nicht mehr teilnimmt, muss ich seine Spielleidenschaft gegen seinen Willen einschränken. Solche Entscheidungen zu treffen, fällt mir nie leicht und diese Entscheidungen sind nie in Stein gemeißelt. Nun könnte man sagen, dass mir dadurch die Standfestigkeit abhandengekommen ist. Nein, ist sie nicht. Meine Standfestigkeit, meine Wurzeln, sind meine Werte. Und die trage ich in mir, seit ich denken kann. Diese fühle ich. Meine Entscheidungskraft, meine Gedanken, meine Gefühle, meine Ideen … sind die Äste. Sie wiegen sich im Wind und sind nicht starr. Sie sind abhängig von den äußeren Faktoren. Das heißt, bevor ich eine Entscheidung treffe, schaue ich mir die Situation, das Kind, die Auswirkungen sowie das größtmögliche Risiko und die Chancen an. Bestenfalls nehme ich mir dafür Zeit und spüre ganz tief in mich hinein. Oft ist es nicht mein Verstand, der entscheidet, meist ist es mein Gefühl.

Darf ich meine Bonuskinder erziehen?

Die Beziehung zu den Bonuskindern ist aus meinen Erfahrungen heraus wackelig und störungsanfälliger als die zu den eigenen Kindern. Zu meinen leiblichen Kindern habe ich eine tiefe Beziehung, seit meiner Schwangerschaft mit ihnen. Durch das Stillen, das gemeinsame Familienbett (als wir noch in der Kernfamilie lebten), ständiges Tragen und jahrelanges Begleiten ist diese Verbindung noch stärker geworden. Ich glaube nicht daran, dass es gelingen kann, eine solche Verbindung zu den Bonuskindern aufzubauen. Meines Erachtens ist das auch gar nicht notwendig, denn deren leibliche Eltern existieren ja. Es ist ihre Aufgabe, eine solche Verbindung zu den Kindern aufzubauen oder auch zu halten und nicht durch die Trennung zu zerstören.

Meine Bonuskinder zu erziehen, fühlte sich für mich immer falsch an. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass unsere Beziehung darunter mächtig leidet. Wenn ich es nicht schaffe, diese Kinder ins Herz zu schließen, mich ihnen zu öffnen und sie anzunehmen, sollte ich tunlichst die Finger davon lassen, sie in irgendeiner Weise erziehen zu wollen. Das geht immer schief. Und wer glaubt, über den Weg der Erziehung eine Beziehung zu seinen Bonuskindern aufzubauen, wird bitter enttäuscht werden. Sicher, irgendeine Form von Beziehung wird immer aufgebaut. Die Frage ist nur, welche Qualität diese hat. Kinder, zu denen ich keine gute Beziehung habe, nehmen es mir sehr übel, wenn ich sie erziehen möchte. Das ist für sie ein starker Eingriff in ihre Persönlichkeit … in ihre absolute Privatsphäre. Ein Eingriff, der von außen kommt. Ja von außen. Nur weil man unter einem Dach wohnt, heißt es noch lange nicht, dass man den Zutritt ins Innere des Kindes erhalten hat. Gerade Patchworkeltern müssen hier ganz vorsichtig sein.

Wenn es etwas gibt, was mich persönlich betrifft und einschränkt oder belastet im Zusammenleben mit den Kindern, dann bespreche ich das. Ich gebe ein Beispiel:

Die Küche ist der Ort, wo ich täglich für uns alle koche. Dieser Ort gehört uns allen und er ist mir besonders wichtig. Aber da ich diejenige bin, die sich am meisten darin aufhält, die Zutaten einkauft und kocht, ist es mir wichtig, dass dieser Ort sauber gehalten und geachtet wird. Hier treffen wir uns an jedem Abend. Selbstverständlich dürfen die Kinder selbst experimentieren in der Küche. Wenn jedoch die Zutaten hinterher nicht weggeräumt, ordentlich verschlossen oder wahllos weggeworfen werden, dann kann ich das nicht akzeptieren. Und solche Themen bespreche ich auch mit meinen Bonuskindern. Die Frage dabei ist aber immer: Wie bespreche ich das? Ich könnte jetzt hingehen und sagen: „Ihr habt dieses und jenes getan“ und sie dabei strafend ansehen. Dadurch erzeuge ich eine Abwehrhaltung bei ihnen und sie werden sich rechtfertigen. Ich könnte aber auch sagen, was es mit mir macht, wenn die Zutaten, die ich einkaufe, hier so achtlos weggeworfen werden. Wenn ich darüber spreche, verstehen sie vielleicht meine Haltung.

Bleibt bei euch. So gefährdet ihr bei solchen täglichen Auseinandersetzungen nicht die Beziehung zu euren Kindern und Bonuskindern.

Der Online-Kongress „Beziehung statt Erziehung“ von Katharina hat mir da sehr geholfen. Im März wird es eine Neuauflage geben. Und auch ich bin als Interviewpartner dabei.

 

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