Aufgaben trennen: Warum ist das so wichtig?

Warum ist es so wichtig Aufgaben in Patchworkfamilien zu trennen? Die meisten Probleme im Alltag entstehen, weil es keine klare Aufgabentrennung gibt und oft sogar das Verständnis dafür fehlt.

Im letzten Beitrag schrieb ich darüber, dass wir nicht auf dieser Welt sind, um die Erwartungen anderer zu erfüllen.

Heute geht es um die drei Fragen:

  • Wie du erkennst, welche Aufgaben zu dir gehören?
  • Welche Aufgaben sind die der anderen?
  • Was passiert, wenn man Aufgaben der anderen übernimmt?

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Meine Gedanken und Inspiration zu diesem Artikel speisen sich – wie schon im letzten Beitrag – aus dem Buch „Du musst nicht von allen gemocht werden: Vom Mut sich nicht zu verbiegen“ von Ichiro Kishimi und Fumitake Koga.

Ein einfaches Beispiel aus dem Familienalltag

Ich möchte mit einem Beispiel beginnen: Da ist ein Kind, das jeden Morgen nicht aus dem Bett kommt. Es trödelt und verpasst regelmäßig den Bus zur Schule. Die meisten Eltern reagieren so: Sie wecken das Kind frühzeitig und je öfter sie es wecken müssen, desto energischer reagieren sie. Sie ermahnen das Kind, werden ungeduldig und sind gestresst. Das Kind läuft viel zu spät zum Bus, sieht nur noch die Rücklichter, aber keine Sorge, Mama steht bereits mit der Familienkutsche neben ihm und bringt es zur Schule. Doch hat das Kind durch diese Erziehung gelernt, sich morgens zu disziplinieren und selbst zu organisieren? Nein, das hat es nicht.

Wie Kinder fürs Leben lernen

Wessen Aufgabe ist es, rechtzeitig aufzustehen, um den Bus zu erreichen und pünktlich in der Schule zu sein? Richtig, es ist die Aufgabe des Kindes. Jedes Kind kann diese Aufgabe bewerkstelligen und es lernt am besten, wenn es selbst die natürlichen Konsequenzen seines Handelns erfahren darf. Doch die meisten Eltern hindern ihre Kinder daran, diese Erfahrungen zu machen und aus ihren Fehlern zu lernen.

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Das Wohl der Eltern

Kommt ein Kind zu spät zur Schule oder erhält es schlechte Noten, glauben die Eltern selbst versagt zu haben oder keine Erziehungskompetenz zu besitzen. Aber ist das wirklich so?

Die meisten Eltern verfolgen ihre eigenen Ziele: sie wollen in der Gesellschaft gut dastehen, machen sich wichtig und üben Kontrolle aus. Oft geht es nicht um das Wohl des Kindes, sondern um das der Eltern. Kinder spüren das natürlich und reagieren darauf. Mein Sohn zum Beispiel hat frühzeitig rebelliert und war (ist) mir ein großer Lehrer.

Was wäre, wenn das Kind den Bus verpasst, laufen oder an der Bushaltestelle eine Stunde auf den nächsten Bus warten muss? Was glaubst du, wie oft wird es noch den Bus verpassen?

Kinder dürfen Konsequenzen erfahren

Früh aufzustehen, sich rechtzeitig auf dem Weg machen – das ist Aufgabe des Kindes. Wir Eltern begleiten unsere Kinder und können es auf mögliche Konsequenzen, die aus dem Handeln des Kindes entstehen, hinweisen, aber letzten Endes entscheidet das Kind, ob es diese Konsequenzen in Kauf nimmt oder nicht. Selbstverständlich spreche ich hier nur über Aufgaben, die dem Alter des Kindes entsprechen. Ob ein dreijähriges Kind auf eine heiße Herdplatte fasst oder nicht, ist eine Entscheidung die Kinder nicht alleine treffen dürfen. Ich denke, du weißt wie ich das meine.

Aufgaben trennen: so geht’s

Wir müssen immer im Blick haben, um wessen Aufgabe es geht und ständig die eigenen Aufgaben von denen der anderen trennen. Und wie geht das? Man darf sich nicht in die Aufgaben der anderen einmischen. Das ist alles. Die meisten Beziehungsprobleme werden dadurch verursacht, weil man sich in fremde Aufgaben einmischt oder zulässt, dass sich die anderen in die eigenen Aufgaben einmischen.

In Patchworkfamilien wird das zum Beispiel deutlich, wenn der Partner sich in Erziehungsfragen einmischt oder meint, Aufgaben zu übernehmen, die den leiblichen Eltern gehören. Das passiert sehr oft in Patchworkfamilien, wenn zwei Wertesysteme sich frontal gegenüberstehen und einer meint, nur sein Wertesystem ist richtig.

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Was passiert, wenn man Aufgaben der anderen übernimmt

Vor zwei Tagen erhielt ich eine verzweifelte lange Nachricht einer Patchworkerin. Ich nenne sie Bianca. Bianca ist mit einem Mann zusammen, der zwei Kinder mit in die Beziehung gebracht hat. Sie kümmert sich um die Kinder, zum Teil sogar finanziell, weil ihr Partner gerade arbeitslos ist. Sie finanziert sogar das Haus, steht aber nicht im Grundbuch. Er möchte nicht heiraten und keine gemeinsamen Kinder mit ihr.

Wessen Aufgabe ist es, die Schulden des Hauses abzutragen, die Kinder zu versorgen und zu finanzieren? Es ist die Aufgabe der leiblichen Eltern und Hausbesitzer. Bianca hat es versäumt Aufgaben zu trennen. Welche Erwartungen Bianca an ihr Engagement in der neuen Familie geknüpft hat, kann ich nur vermuten. Sie wird vermutlich Anerkennung gesucht haben oder wünscht sich eine eigene heile Familie, eine Hochzeit, hat das Bedürfnis nach Sicherheit …

Jetzt, wo sie nach Jahren begreift, dass diese Erwartungen nicht erfüllt werden, ist sie enttäuscht und zutiefst verzweifelt. Doch statt sich um ihre eigene Lebensaufgabe zu kümmern, hat sie sich um die Aufgaben der anderen gekümmert und Erwartungen daran geknüpft, die unerfüllt blieben.

Wir sind nicht auf dieser Welt, die Erwartungen anderer Menschen zu erfüllen und die anderen sind nicht auf dieser Welt, um unsere Erwartungen zu erfüllen.

Lies dazu auch diesen Beitrag: https://www.patchworkmama.de/du-brauchst-keine-anerkennung/

Aufgaben trennen und unterscheiden lernen

Die Aufgaben zu trennen genügt, um zwischenmenschliche Probleme dramatisch zu verändern. Das musste ich auch erst über viele Jahre sehr schmerzhaft lernen. Und manchmal fällt es mir immer noch schwer zu erkennen, um wessen Aufgabe es sich im Alltag handelt.

Es gibt einen ganz einfachen Trick. Frage dich: wer erhält am Ende das Ergebnis, dass sich aus der Entscheidung ergibt. Wenn das Kind beschließt, länger zu schlafen und das Risiko eingeht, den Bus zu verpassen, trägt am Ende das Kind die Konsequenz, wenn es laufen oder lange auf den nächsten Bus warten muss. Das Ergebnis aus dieser Entscheidung trägt also das Kind, nicht die Eltern. Es ist also die Aufgabe des Kindes sich morgens frühzeitig auf dem Weg zu machen.

Begleiter sein, statt erziehen zu wollen

Ich sage nicht, dass wir Eltern die Verantwortung abgeben sollen. Unsere Kinder und Bonuskinder brauchen Menschen an ihrer Seite, die sie unterstützen, wann immer sie selbst Erfahrungen sammeln möchten. Wir bieten Hilfe an, geben sie aber nur, wenn man uns darum bittet. Leisten wir ungefragt Hilfe, benehmen wir uns wie Eindringlinge in die Aufgaben und in die Lebensgestaltung der anderen.

Es gibt ein schönes Sprichwort: Man kann ein Pferd zur Tränke führen, aber saufen muss es selbst.

Natürlich ist es nicht immer einfach zuzusehen, wie das Kind die Konsequenzen seines Handelns schmerzlich erfahren muss. Aber wenn wir unsere Kinder auf dem Weg zu kompetenten, erwachsenen Menschen, die ein selbstbestimmtes Leben führen, begleiten wollen, dann müssen wir ihnen zutrauen, dass sie mit den Konsequenzen umgehen können und daraus lernen.

Von den Kindern

Abschließen möchte ich mit einem Text aus dem Buch „Der Prophet“ von Khalil Gibran. Du kennst diese Passage sicher, aber ich finde es gut, sich diese Zeilen immer mal wieder ins Gedächtnis zu rufen:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.

Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,

Und sind sie auch bei euch, gehören sie euch doch nicht.

 

Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, doch nicht eure Gedanken,

Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.

Ihren Körpern dürft ihr eine Wohnstatt bereiten, doch nicht ihren Seelen,

Denn ihre Seelen wohnen im Haus der Zukunft, und das bleibt euch verschlossen, selbst in euren Träumen.

Ihr dürft danach streben, ihnen ähnlich zu werden, doch versucht nicht, sie euch ähnlich

zu machen.

Denn das Leben schreitet nicht zurück, noch verweilt es im Gestern.

Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile abgeschnellt werden.

Der Schütze sieht die Zielscheibe auf dem Pfad des Unendlichen, und Er beugt euch mit

Macht, damit Seine Pfeile umso geschwinder und weiter fliegen.

Freut euch der Beugung, die euch die Hand des Bogenschützen aufzwingt;

Denn so wie Er den flüchtigen Pfeil liebt, liebt Er auch den verharrenden Bogen.

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