Achtung Stiefvater-Falle!

Wo der Mann bis zum Ende des letzten Jahrhunderts noch als der alleinige Ernährer der Familie galt und die Frauen zu Hause blieben (mit Ausnahme der Frauen in Ostdeutschland), reduzierte sich ihre Rolle auf die der „abwesenden Väter“ bzw. der Wochenend-Väter.

Väter im Wandel

Heute sind Väter im Wandel. Sie nehmen Elternzeit und die Politik ist um Gleichstellung bemüht. Doch wie sehr die traditionelle Rolle des Vaters als Ernährer in uns verankert ist, zeigte sich mir, als ich im Sommer in der Zeit1) einen Artikel über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf las.

Martin Schröder, Professor für Soziologie an der Universität Marburg, sagte: „Väter sind am zufriedensten, wenn sie 50 Stunden pro Woche arbeiten. Also richtig lange. Die Lebenszufriedenheit von Müttern hängt dahingegen kaum von ihren Arbeitsstunden ab.“

Das ergaben die Daten des Sozioökonomischen Panels aus den Jahren 1984 bis 2015. Martin Schröder begründete das so: „Männer scheinen sich in dieser Rolle am wohlsten zu fühlen. Das heißt aber nicht, dass es direkt die Arbeitsstunden sind, die Männer zufrieden machen … Deutschland ist ein Land, in dem es immer noch normal ist, dass Väter Vollzeit arbeiten und Mütter nicht. Vielleicht ist es einfacher, so zu leben wie alle. Dann muss man sich nicht gegenüber Bekannten, Freunden, Eltern erklären. Sich gegen stereotype Rollenbilder zu stemmen kostet viele Menschen möglicherweise Lebenszufriedenheit. Das bedeutet nicht, dass wir diese traditionellen Rollenbilder super finden, doch wir haben sie anscheinend in uns.“

Die Fallen der Stiefväter

Wie geht es nach der Erkenntnis demzufolge den Vätern und Stiefvätern? Wie sieht ihre Rolle aus? Welche Fallen tun sich auf, in die sie tappen können? Letztere Frage habe ich Claudia Starke und Thomas Hess gestellt. Sie sind Familientherapeuten und Patchwork-Berater aus Zürich. Beide sind Interview-Partner meines Patchworkfamilien-Kongresses, der am 4. November online geht. Jeder kann kostenlos teilnehmen. Du brauchst dich dafür einfach nur unter www.patchworkfamilien-kongress.de anmelden.

Claudia Starke und Thomas Hess haben vier typische Fallen beschrieben:2)

  1. Falle: Vaterersatz

Väter ohne eigene Kinder neigen dazu in die Vaterersatz-Rolle zu schlüpfen. Sie übernehmen Verantwortung, mischen sich erzieherisch ein, setzen Grenzen … und besetzen so den Platz, den der Vater vorher innewohnte. Bald bekommen sie von den Kindern zu hören: „Du bist nicht mein Vater, du hast mir gar nichts zu sagen.“ Recht haben sie. Dennoch ist der Stiefvater gekränkt, weil er glaubt nach bestem Gewissen gehandelt zu haben.

In diesem Falle kann es helfen sich zu vergegenwärtigen, dass die Sorge der Kinder allein in der Verantwortung der leiblichen Eltern liegt. Ein Stiefvater darf sich hier gern zurückziehen. Das heißt nicht, dass er die Kinder nicht begleiten darf. Natürlich darf und soll er das, sofern er eine gute Beziehung zu ihnen hat bzw. aufbauen möchte.

  1. Falle: Leben im Spagat

Ein engagierter Stiefvater mit eigenen Kindern versucht allen Anforderungen gerecht zu werden. Nimmt seine Rolle und die Verantwortung als Vater sehr ernst, verbringt Zeit mit seinen Kindern, hat eine gute Beziehung zu seinen Bonuskindern aufgebaut, nimmt sich Zeit für seine Partnerin, unterstützt die Kontakte der Kinder zu den anderen leiblichen Elternteilen …

Wer gut organisiert ist, viel Energie hat, achtsam ist, keine Hobbys hat, wenig Schlaf braucht, bescheiden mit sich selbst ist, mag diesen Spagat zwischen allen Anforderungen, die das Familien- und Berufsleben mit sich bringen, gelingen. Allen anderen droht ein Burn-out. Auf Dauer ist das kaum zu schaffen und es nagt an der Lebenszufriedenheit.

  1. Falle: Der Retter auf dem Schleudersitz

Das Verhältnis alleinerziehender Eltern in Deutschland teilt sich auf in 90% der Mütter und 10% der Väter die allein erziehen. Alleinerziehende Mütter kämpfen sich durch den Alltag. Da liegt es nahe, dass der neue Partner gern zum Retter mutiert. Die Mütter sind oft sehr dankbar dafür und überlassen ihm gerne das Feld. Die Kinder erleben die Mutter immer weniger in ihrer erzieherischen Funktion, dafür umso mehr die Konsequenz und Strenge des Stiefvaters. Er will Ordnung schaffen. Dass die Kinder damit nicht glücklich sind, beobachtet auch die Mutter sehr schnell, denn schließlich kennt sie ihre Kinder am besten. Die Kinder fangen häufig an zu provozieren, wollen wissen, ob ihre Mutter noch hinter ihnen steht oder eher hinter dem neuen Partner. Daraufhin reagieren Stiefväter gern noch konsequenter und härter, bis die Mutter ihre Aufgabe wieder wahrnimmt und sich schützend vor die Kinder stellt.

Jetzt ist der Schleudersitzmechanismus ausgelöst, denn wenn die Mutter das Gefühl hat, sie sitzt zwischen den Stühlen und muss sich entscheiden, entscheidet sie sich eher für die Kinder als für den Partner. Für die Männer ist das wie ein Schlag ins Gesicht. Ohne dass diese den eigenen Anteil an der Misere erkennen, erfolgt die Trennung.

  1. Falle: Gehilfe in Wartestellung

Der Gehilfe in Wartestellung nimmt sich in der defensiven Rolle wahr. Er möchte sich auf keinen Fall einmischen, ist geduldig und beobachtet. Er unterstützt seine Partnerin, wo er kann, hält sich aber aus allen erzieherischen Angelegenheiten raus. Er macht viel für die neue Familie, weshalb er auch schnell angenommen und geschätzt wird, läuft dabei aber auch Gefahr, nicht wirklich gesehen und ausgenutzt zu werden. Ihm fällt es schwer sich abzugrenzen. Seine Wünsche und Bedürfnisse stellt er zurück. Wartet, bis seine Partnerin wieder Zeit für ihn hat. Doch die erhoffte Zeit für Zweisamkeit findet sich zu selten oder nie. Und so kann es passieren, dass er sich in seine Arbeit stürzt, die Familie zwar weiterhin beschützten möchte, aber seinen Fokus außerhalb der Familie setzt.

Für diese Männer ist es wichtig, ihre eigenen Bedürfnisse zu kennen, sie zu benennen und ihnen einen Platz einzuräumen. Notfalls auch dafür zu kämpfen.

Ich möchte davor warnen, nun die Stiefväter nach den vier Fällen zu kategorisieren. Es gibt viele Facetten und Mischformen. Und man wird ihnen nicht gerecht, wenn man sie in einer der vier Kategorien einordnet.

Entsorgte Väter und Stiefväter

Für Väter und Stiefväter ist das Leben nach der Trennung nicht einfach. Auch heute noch, leben die Kinder nach einer Scheidung  überwiegend bei der Mutter. Väter wie Kinder leiden unter der räumlichen Trennung und den Verlust im Alltag. Dazu kommt, dass das Männerbild auch in unserer modernen Welt immer noch dem des Familienernährers entspricht. Ihr Job erlaubt es ihnen kaum früher Feierabend zu machen, um eine Aufführung der Kinder in der Schule zu sehen oder sich um das kranke Kind zu Hause zu kümmern.

In der kurzen Zeit, die er mit den Kindern genießen darf, ist er verführt in die Rolle des Sugar-Daddys zu schlüpfen. Die Kinder werden an den Wochenenden überfordert und verwöhnt. Oder er glaubt erzieherisch nachholen zu müssen, was die Mutter versäumt hat. Dadurch vertreibt er seine Kinder. Sie kommen seltener an den Wochenenden. In ihm machen sich Ohnmacht und Verzweiflung breit. Wenn dann die Exfrau einen neuen Partner mit in die Familie bringt, der sich in der Vaterersatz-Rolle sieht, wird der Leidensdruck größer. Konkurrenzgedanken und Eifersucht kommen ins Spiel. Solche Väter fühlen sich „entsorgt“ im doppelten Sinne. Viel zu früh geben sie auf und ziehen sich zurück. Von außen betrachtet sieht es dann so aus, als würde er seine Kinder allein lassen. Er wiederum nimmt sich in der Opferrolle wahr. Die Exfrau, der neue Partner, vielleicht sogar die Kinder, der Arbeitgeber … die Schuldigen sind schnell gefunden. Manchmal suchen sie Halt und Trost in einer neuen Familie, die sie gründen. Doch der Schmerz bleibt.

Für Stiefväter, deren Kinder in mehreren Haushalten leben, ist der Alltag anspruchsvoller. Sie müssen sich gut organisieren, haben wenig Freizeit, die sie zwischen ihren Kindern, Stiefkindern, der Partnerin und sich aufteilen müssen. Engagierte Väter und Stiefväter leiden unter dieser Überbelastung.

Die Leiden der getrennten Väter und Stiefväter finden in unserer Gesellschaft kaum Beachtung. Sie bekommen wenig Unterstützung. Ich bin überzeugt, dass das alte archetypische Vaterbild uns nicht erlaubt, den Schmerz, die Überforderung der Männer wahrzunehmen. Ein Mann muss seine Probleme mit links bewältigen, sonst ist er kein echter Mann. Er sollte Stärke, Schutz und Halt garantieren. Gefühlvolle Männer, mit viel Empathievermögen galten lange Zeit als verweichlicht. Ich erlebe häufig Männer, die an diesem alten Bild hängen. Glücklicherweise findet gerade ein gesellschaftlicher Wandel statt. Noch ist er nicht vollzogen, es gibt also noch viel zu tun, sowohl in den Köpfen eines jeden einzelnen, also auch auf politischer und wirtschaftlicher Ebene.

Also, lasst uns die Ärmel hochstreifen und uns die Welt erschaffen, in der die Lebenszufriedenheit nicht von alten Rollenbildern bestimmt wird.

Quelle:

  1. https://www.zeit.de/2018/26/vereinbarkeit-familie-beruf-maenner-vaeter-zufriedenheit
  2. Patchwork-Familien: Beratung und Therapie, Thomas Hess, Claudia Starke, Verlag W. Kohlhammer, 2017

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